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Die Weidenkinder und die
Bienen
Es war sehr früh im Jahr, einmal, vor langer, langer Zeit. Mutter Sonne hatte eben den letzten Schneefleck von der Wiese unten am Bach
weggewischt. Dowh der Wind blies noch kalt trotz der eifrigen Sonnenkinder, die von Frau Sonne aud die Erde geschickt
wurden, um sie zu wärmen.
Was war nur mit dem Bienenstock im alten Baum los? So still war es da noch! Ob die Bienen wohl noch
schliefen? Doch nein! Siehe da, da kletterte eine Biene doch unentwegt über die moosigen
Baumrinde, vor dem Eingangstor zur Bienenburg auf und ab. Was suchte sie denn
nur? Ach, sie murmelte ja auch etwas vor sich hin: "Dass doch der Winter heuer gar so lange dauern
muss! Mein Bienenvolk hungert schon, aller Honig ist aufgebraucht, und keine einzige Blume ist noch zu
sehen, o Gott, o Gott, was kann ich nur tun, um meinen Arbeitsbienen eu
helfen?.Ich hab's!"
Und sie rief nach der Bienenältesten: die kam matt und schwach
herbeigekrochen. "Königin, was soll ich tun?" fragte sie.
"Du fliegst sofort zur alten Weide am Bach und bittest sie, dem hungernden Bienenvolk zu
helfen."
Die alte Weide mit dem großen, grünen Kugelkopf guckte sehr erstaunt, als sie die Biene heranfliegen
sah: "Ja, was machst denn du schon heraußen in der Kälte?", fragte sie die
Biene. Diese flog ganz dicht an das Ohr der alten Weide und lispelte:
"Ach, bitte, liebe, gute Weide, hilf uns doch! Meine Königin schickt
mich. Du musst wissen, dass meine Schwestern schon vor Hunger krank sind. Ich
fürchte, sie werden noch sterben, wenn sie nicht bald süßen Nektar
bekommen. Lass doch, bitte, deine Kinder aus ihren braunen, glänzenden Häuschen
springen! Ach, bitte, bitte, hilf uns!"
Da guckte die Weide mit sehr ernstem Gesicht vor sich hin, schaukelte nachdenklich ihr Haupt und meinte
endlich: "Es ist noch so kalt, meine Kinder sind kleine, zarte
Dingelchen, ich habe Angst, sie können mir krank werden oder gar in der Nacht
erfrieren. Trotzdem muss ich euch aus eurer großen Not helfen!"
Da jubelte unsere kleine Biene, klatschte in die Händchen und rief: "Oh, wenn du nur
willst, findest du sicherlich einen Weg, uns zu helfen! Ich glaube ganz fest
daran, denn du bist sehr weise!"
"Ich werde es versuchen! Komm gleich morgen wieder, dann werde ich dir schon Genaueres sagen
können. Und nun flieg schnell heim, es ist sehr kalt, und du musst gesund
bleiben!" sagte die Weide. "Hab Dank! Hab Dank!'", flüsterte das
Bienchen, und Freudentränen kullerten ihm aus den großen Augen. Dann flog es schnell
heim, um seiner Königin alles zu berichten.
Die Weide aber dachte lange nach, wie sie den Bienen helfen könnte, ohne ihren eigenen Kindern dabei Schaden zu
bringen, aber es wollte ihr nichts Rechtes einfallen. Die Nacht war schon längst
gekommen, und immer noch wusste sie keinen Rat. Da kam auf einmal die alte Eule
herbeigeflogen, setzte sie auf die Weide und fragte: "Nun, Mutter
Weide, wie geht's? Du schaust heute ganz so kummervoll drein, hast du
Sorgen?" "Ja, große sogar", gab die Weide zur Antwort und erzählte der Eule von den hungernden
Bienen. Doch auch der klugen, erfahrenen Eule wollte ausgerechnet heute kein guter Rat
einallen, sie meinte nur: "Weißt du, ein dickes Pelzerl muussten halt deine Kinder
anhaben, so einen Winterpelz wie die Mäuse, Rehe und Hasen." Da atmete die Weide
auf: "Ich hab's! Ich weiß schon, wie ich's mache! Ich danke dir, gute
Eule!"
Und was glaubt ihr, Kinder, was unser Bienchen am nächsten Morgen sah, als er zur Mutter Weide geflogen
kam? Alle Weidenkinder guckten aus ihren braunen Mäntelchen heraus und hatten
dicke, graue Wolljäcken an. Die Weidenmutter hatte sie noch schnell in der Nacht für sie
gemacht, damit sie es warm hätten und doch den Bienen ihren süßen Nektar schenken
könnten. Sie lachten auch allesamt recht unternehmungslustig in die Welt und konnten es gar nicht
erwarten, die Bienen zum ersten Male begrüßen zu dürfen.
Und jetzt summte und brummte es auch endlich wieder einmal im Bienenstock. Als nämlich die Bienenälteste mit der Nachricht
heimkam, die Weidenkinder warteten voll Freude auf das Bienenvolk, da ging es im Stock drunter und drüber
zu. Am liebsten wären gleich alle Bienen auf einmal zur alten Weide
geflogen.
Immer mehr Bienen kamen zur Weide, um sich endlich wieder satt zu essen. Auf einmal kam ein junges Bienchen ganz aufgeregt in den Stock zur Königin
geflogen, und rief: "Königin, sie kämpfen, oh, mir ist so bang!"
"Wer kämpft?" fragte die Königin ernst. "Nun, die Bienenschwestern mit den
großen Hummeln und den bösen Wespen; es ist schrecklich anzusehen, oh, bitte kommt
mit, Königin!", rief die kleine Biene in heller Angst. Die Königin fragte
sie: "Warum kämpfen sie? Wer hat ihnen etwas getan?" "Niemand,
Königin. Aber weißt du, ie Hummeln und Wespen waren auf einmal da, und wollten auch Nektar
haben, und da riefen meine Schwestern: ŒDie Weide gehört nur uns, da hat niemand anderer etwas zu
suchen! Und schon begannen sie, auf die anderen loszugehen, um sie zu
vertreiben. Damit haben sie auch Recht, nicht wahr, Königin?"
"Nein," rief die Königin, "hol mir sofort unsere Älteste!" Zitternd flog das Bienchen von
dannen, um den Befehl der Königin auszuführen. Und als die Älteste zur Königin
kam, sprach diese nur wenige Worte und schickte sie zur Weide.
Unsere Bienenälteste aber flog eilig zu den wild surrenden Bienen und rief ihnen
zu: "Die Königin befiehlt euch, sofort Frieden zu halten!" Immer wieder rief
sie, so laut sie nur konnte, den Bienen den Befehl der Königin zu; da wurde es endlich stiller um die
Weidenkinder, die ganz erschreckt mitten in diesen Tumult geraten waren. Die Bienen flogen bang nach Hause und mussten sich sofort alle um die Königin
versammeln. Mit hängenden Köpfen standen sie da, als die Königin zu sprechen
begann: "Ich dachte immer, mein Volk wäre kug und gut. Wenn es klug
ist, dann weiß es, daß alles draußen in der Natur ein Geschenk Gottes ist und nicht einem allein
gehört. Wenn mein Volk aber gut ist, dann teilt es sein Brot mit allen
anderen, die auch Hunger haben. Und nun geht an eure Arbeit und denkt über meine Worte
nach!"
Da schlichen die Bienen lautlos und beschämt davon.
Eine kleine Biene hatte sich auch ihr Körbchen mit goldigem Blütenstaub
vollgestopft, wie sie es bei den anderen Bienen gesehen hatte. Nun hatte sie aber am Vortag in der Bienenschule nicht recht
aufgepasst, als vom Honigbrotmachen die Rede war. Zum Glück fiel es ihr später wieder
ein: man mischt Blütenstaub mit Honig und knetet alles ordentlich durch. Die kleine Biene aber wollte lieber mehr Blütenstaub sazunehmen und den Honig selber
essen. Die kleinen Bienenkinder, für die das Honigbrot gehörte, sollten ruhig mehr Blütenstaub
essen! Aber das sollte unsere kleine, geizige Biene noch bereuen! Eine alte Biene sah ihr nämlich
zu, als sie zu einem Bienenkind lief und ihm das trockene Honigbrot ins Mäulchen
steckte. O je! Fing das auf einmal zu husten an! Und wie es an dem trockenen Zeug schlucken und würgen
musste! Doh da war die alte Biene gerade noch zur rechten Zeit
hinzugekommen, schüttelte und klopfte das Kleine so lange, bis es wieder Luft
bekam. Unser kleiner Geizhals aber musste zur Strafe tagelang daheim bleiben und schmutzige Waben blank
putzen, damit die anderen Bienen goldenen Honig hinenfüllen konnten. Das war eine ganz arge Strafe für das junge
Bienchen. Nur ein paar Wochen schickte die Königin ihre Getreue wieder zur
Weide, um ihr noch einmal Dank sagen zu lassen. Doch sie Weidenmutter ließ sie gar nicht erst zu Wort
kommen, sondern streckte ihr alle ihre Zwiege entgegen: "Sieh her, all die
kleinen, grünen Früchte, die danke ich deinen braven Bienenschwestern! Das gibt
viele, viele Samen und dann viele, neue Weidenbäumchen. Ich habe halt meinen Kindern Wolljäckchen angezogen und will es nun jedes Jahr so
machen. Ich habe euch geholfen, genau wie ihr mir geholfen habt, und so wollen wir es immer
halten!"
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Das Rosenfräulein
Es war einmal ein kleines Mädchen, das spielte in einem schönen, großen
Garten. Es war noch sehr früh am Morgen, so früh, dass eben noch ein Spinnebeinchen
fehlte, bis die Sonnenscheibe mit dem goldenen Saum in das blaue Himmelszelt
lugte. Der Tau lag noch auf Blumen und Gräsern, und viele Blütenkelche waren noch
geschlossen.
Die Vögel aber waren schon wach und jubelten aus voller Brust, die Lerchen flogen in den heller werdenden
Himmel, und aus dem Hänflingnest guckten die flaumigen Jungen wie gelbgrüne
Federbällchen.
Unser kleines Mädchen sah mit einem Male ein großes, schönes Fräulein durch die schmalen Pfade des Gartens
wandeln, das neighte sich zu all den tausenden Blumen und küsste sie auf den geschossenen
Kalch.
Da schlugen die vielen Blumenkinder die buntfarbenen Augen auf, die Lilien und Tulpen öffneten
sich, der Flieder duftete, die frühen Nelken blieben nicht zurück, und die Tausendschönchen waren wie ein zierlicher
Elfenreigen.
Das Mädchen schaute voll Verwunderung die fremde Frau an, die es früher nie gesehen
hatte. Sie war in ein wunderschönes rosenfarbenes Gewand gekleidet, eine
weiße Schärpe gürtete sie, und ein Tüchlein aus gelber, feinster Seide umhüllte ihre
Schultern. Sie trug ein Diadem aus goldenen, zierlichen Käfern, und ihr Angesicht war so
schön, wie kein Mensch es je gesehen hat.
Das Fräulein war nun zu den vielen Rosenbüschen gekommen, die den Hintergrund des Gartens mit ihren unzähligen
weißen und roten, gelben ud rosafarbenen Blumen erfüllten. Dor stand die Fremde einen Augenblick
still, und es war, als lausche sie auf den anrollenden Wagen der
Sonne, den eben die feuerfarbenen Herolde mit langen rotgoldenen Posaunen
verkündeten.
Da wagte sich das kleine Mädchen an das schöne Fräulein heran und
fragte:
"Wer bist du denn, schöne Frau, ich habe dich noch nie in unserem Garten
gesehen?"
Die Fremde lächelte und sagte:
"Du bist aber auch noch nie so früh aufgewesen, kleines
Mädchen! Du hast ja noch dein Nachthemdchen an, und gekämmt bist du auch noch
nicht. Ich bin aber jeden Morgen ganz früh im Garten, denn ich bin das Rosenfräulein und muss die Blumen
wachküssen."
Und das kleine Mädchen fragte weiter:
"Und wo wohnst du denn eigentlich, schönes Rosenfräulein?"
Die Fremde lachte und sagte:
"Weil du so ein artiges kleines Mädchen bist und alle Blumen lieb
hast, will ich dir gerne mein Stübchen zeigen."
Sie neigte sich und küsste erst das kleine Mädchen auf die Stirn, dann drückte sie ihre Lippen auf ein
Rosenknöspchen, das eben aufspringen wollte.
Da war plötzlich ein großer runder Saal aus rosa Seide ausgespannt, und goldene Stühlchen standen im
Kreise, und dazwischen waren kleine Tischchen aus Edelstein.
"Siehst du, da wohne ich!", sagte das Rosenfräulein. Und sie nahm das kleine Mädchen an der
Hand, ging mit ihm in das seidene Zelt, und sie setzten sich auf die goldenen
Stühlchen.
Summende Bienchen kamen angetrippelt, hatten ein weißes Schürzchen vorgebunden und schenkten Nektar aus silbernen
Bechern.
Eine dicke Hummel in schwarz-gelber Samtrobe stand in der Ecke und gab genau
Acht, dass die Bienchen nichts von dem süßen Trank verschütteten.
Dann kamen zierliche Junker, in Gold und grüne Seide gewandet, und kredenzten goldgelbes Honigbrot auf veilchenfarbenen
Tellern.
Im Hintergrund aber saß eine lustige Kapelle aus bunt schillernden
Fliegen, die eifrig die Geige spielten, dicke Käfer strichen den Brummbass
dazu, und die kleinen Blattläuschen trommelten und waren ganz rot vor Eifer und
Anstrengung. 
Unser kleines Mädchen wunderte sich sehr, dass die Bienchen und die Fliegen und die Käfer so
groß waren wie es selbst. Aber es trank eifrig aus dem silbernen Becherund aß von dem goldgelben
Brot, denn alles schmeckte wunderbar süß und seltsam.
"Gefällt es dir bei mir?", fragte das Rosenfräulein. Das Mädchen nickte
eifrig, denn es konnte nicht sprechen, da es gerade ordentlich von dem veilchenblauen Teller genommen
hatte.
"Dann kannst du mich jeden Tag besuchen kommen, bevor die Sonne
aufgeht. Du darfst aber niemandem davon sagen, denn die großen Leute kennen mich
nicht."
Da nickte das Mädchen und sagte:
"Ich will schon brav stille sein, liebes Rosenfräulein, und dich jeden Tag
besuchen; denn ich habe dich sehr lieb, und hier ist es sehr schön!"
Da nahm das Rosenfräulein das Mädchen wieder an der Hand, führte es aus dem Zelt und gab ihm einen Kuss auf die
Stirn.
Eben ging die Sonne auf und funkelte in den Tautropfen auf Blumen und
Gräsern.
Mit Staunen sah unser kleines Mädchen, dass es in einer Rose zu Gast gewesen war. Diese Rose war aber sicherlich die schönste unter allen und hatte ein goldenes
Staubfädenherz. Noch war es dem Mädchen, als tönten leise die Geigen und riefe das Rosenfräulein hinter ihm
her.
Ganz befangen von dem wundersüßen Geschehen ging Klein-Mädchen durch den Garten zum Haus
zurück. Alle Blumenkelche waren nun weit offen, und die Sonnenstrahlen
tanzten.
Die Mutter stand auf der Schwelle und sah nach dem Kinde aus. "Aber
Mädchen, wie kannst du nur schon so früh in den Garten laufen? Du hast ja noch dein Nachthemdchen
an, und gekämmt bist du auch noch nicht!"
Doch als die Mutter nun ihr Klein-Mädchen ansah, wusste sie gleich, dass etwas geschehen war, denn es hatte dunkel glänzende
Augen, Goldflitterchen im Haar, und das ganze Mädelchen duftete wie eine süße Rose.
Die Mutter fragte das kleine Mädchen immer wieder, wo es denn gewesen sei. Und da erzählte es
endlich, dass es beim Rosenfräulein zu Gaste war.
Die Mutter meinte: "Ei, ei, da hat mein Mäuschen aber schön geträumt!"
Das Mädchen erinnerte sich nun, dass das Rosenfräulein gesagt hatte, es dürfe niemandem von dem Besuche
erzählen.
Und so oft das Mädchen auch später wieder vor Sonnenaufgang im Garten war, das Rosenfräulein hat es nie mehr
gesehen.
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