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Die Elemente Des Lebens: Märchen, Brauchtum, Aberglaube
Sigrid Früh/Roland Kübler

 

Ein Märchen der Erde: Die Tochter des Zaren
Ein Märchen des Wassers: Das Mädchen auf der Eulschierbenmühle
Ein Märchen der Luft: Der Wind als Taufpate
Märchen des Feuers: Das junggeglühte Männlein
 

Die Tochter des Zaren
In einem Zarenreich, da lebte einmal ein Zar, der hatte eine Tochter, die jede Nacht verschwand. Niemand wusste, wohin die Zarentochter ging.
Das ließ der Zar überall bekanntmachen: "Wer herausfindet, wohin meine Tochter verschwindet, soll sie zur Frau bekommen. Versuch aber jemand, diese Aufgabe zu lösen, ohne dass er es kann, so soll es ihn den Kopf kosten."
Rings ums das Schloss war ein Pfahlzaun, der war beinahe ganz mit Menschenköpfen behangen, und es verging kaum ein Tag, and dem nicht ein neur Kopf auf einen Pfahl kam.
Nicht weit vom Schloss diente ein Soldat in einem Regiment, der war des Dienens müde. Und als er eines Tages auf Wache stand, da machte er sich einfach auf den Weg. 
Ging er nun lange Wege, order ging er kurze Wege? Es ist nicht bekannt.
Eines Tages kam er an eine Waldwiese, da waren drei Waldgeister, die sich stritten. Die Waldgeister sprachen: "Soldat, hilf uns, diese drei Dinge zu teilen: Wir haben ein Tisch-tuch-deck-dich, einen fliegenden Teppich und eine Tarnkappe."
Da nahm der Soldat sein Gewehr und sprach: "Ich schieße, und wer mir die Kugel bringt, soll die drei Dinge bekommen."
Die Streitenden waren einverstanden, der Soldat schoss, und die Waldgeister rannten in den Wald, um nach der Kugel zu suchen.
Der Soldat hatte aber nach hinten geschossen. Und solange die Drei suchten, setzte der Soldat die Tarnkappe auf, steckte das Tuch ein, setzte sich auf den fliegenden Teppich und flog davon.
So kam er in das Reich des Zaren und hörte, dass derjenige seine Tochter bekäme, der herausfinde, wo sie jede Nacht hingehe. Der Soldat steckte die drei Dinge in seinen Beutel, ging zum Zaren und sprach: "Ich will herausfinden, wo Eure Tochter hingeht. Ich bleibe aber nicht nur eine Nacht, sondern drei Nächte."
Da sprach der Zar: "Wenn du die Aufgabe löst und herausfindest, wo sie hingeht, so sollst du sie zur Frau haben. Löst du die Aufgabe nicht, so schlage ich die den Kopf ab und hänge ihn an einen Zaunpfahl."
Der Zar führte den Soldaten bis vor das Schlafgemach der Zarentochter, zeigte ihm ein Sofa und hieß ihn warten. Nach einiger Zeit kam die Zarentochter aus ihrem Schlafgemach und gab dem Soldaten ein Glas Schnaps zu trinken. Der tat so, als trinke er. Doch er goss das Glas aus und trank keinen Tropfen. Dann legte er sich auf das Lager und stellte sich schlafend. Die Zarentochter war davon nicht überrascht, denn sie hatte Schlafpulver in den Schnaps getan.
Als nun der Soldat schnarchte, rief die Zarentochter ihre Dienerinnen und befahl: "Bringt mir zwölf Paar Strümpfe und zwölf Paar Schuhe."
Danach hob sie unter ihrem Bett eine Falltür und verschwand in den Keller. Der Soldat ging ihr heimlich nach und wurde nicht bemerkt, weil er seine Tarnkappe aufgesetzt hatte und nicht zu sehen war. Tief unter im Keller lag eine Zauberplatte auf dem gestampften Lehm. Die Zarentochter hob sie hoch uns stieg hinab in die Unterwelt. Der Soldat immer hinterher.
Nicht lange, da kamen sie in einen kupfernen Garten mit einem kupfernen Apfelbaum, der trug kupferne Äpfel. Der Soldat riss sich einen kupfernen Apfel ab und steckte ihn in seinen Beutel. Sogleich fingen Glocken an zu läuten und Kanonen zu donnern. Der weitere Weg war versperrt, und sie kamen nicht weiter.
Da kehrte die Zarentochter um und ging zurükck in ihr Schlafgemach. Davor, auf dem Sofa, lag schon der Soldat und stellte sich schlafend.
"Schlaf nur, Soldat! In zwei Tagen wird dir mein Vater den Kopf abschlagen", sprach die Zarentochter.
Am anderen Morgen als noch lange kein Vogel sang, da schrie del Soldat schon aus vollem Halse: "Wo ist mein Samowar mit dem Tee, wo ist mein Mittagessen und mein Wein?"
Die Diener brachten alles, was er verlangte, und der Soldat ließ es sich wohl sein, den ganzen Tag. Am Abend kam die Zarentochter aus ihrem Schlafgemach und brachte ihm ein goldenes Glas voll Schnaps zu trinken.
Wieder tat der Soldat, als trinke er. Dann legte er sich auf das Sofa, und stellte sich schlafend. Als nun der Soldat schnarchte, rief die Zarentochter ihre Dienerinnen und sprach: "Bring mir zwölf Paar Strümpfe und zwölf Paar Schuhe."
Als alles gebracht war, hob sie unter ihrem Bett die Falltür und verschwand wieder in den Keller. Der Soldat ging ihr nach, und wieder bemerkte sie ihn nicht, weil er seine Tarnkappe aufgesetzt hatte. So gingen sie durch den kupfernen Garten und kamen zu einem silbernen Garten. In diesem stand ein silberner Apfelbaum, der trug silberne Äpfel. Der Soldat riss einen davon ab und steckte ihn in seinen Beutel.
Sogleich fingen wieder Glocken an zu läuten und Kanonen zu donnern. Der weitere Weg war versperrt, und sie kamen nicht mehr voran. Da kehrte die Zarentochter heim und ging in ihr Schlafgemach. Davor auf dem Sofa lag schon der Soldat, und stellte sich schlafend.
"Schlaf nur, Soldat! In einem Tag wird dir mein Vater den Kopf abschlagen," sprach die Zarentochter.
Am anderen Morgen, als noch lange kein Vogel sang, da schrie der Soldat schon aus vollem Halse: "Wo ist mein Samowar mit Tee, wo mein Mittagessen und mein Wein?"
Die Diener brachten alles was er sich wünschte, und der Soldat ließ es sich wohl sein, den ganzen Tag. Als es Abend war, kam die Zarentochter aus ihrem Schlafgemach und reichte ihm wieder ein Becher voll Schnaps.
"Ein wenig will ich kosten," dachte der Soldat und nahm einen kleinen Schluck. Den Rest schüttete er heimlich aus, bevor er das leere Glas der Zarentochter gab. Dann drehte er sich zur Seite und schlief ein.
Zufrieden rief die Zarentochter ihre Dienerinnen und befahl: "Bringt mir zwölf Paar Strümpfe und zwölf Paar Schuhe."
Als sie alles hatte, hob sie unter ihrem Bett die Falltür und verschwand. Doch davon erwachte der Soldat. Sogleich nahm er seine Tarnkappe und folgte ihr durch die Falltür in den Keller. Mit aller Kraft hob er dort die Zauberplatte hoch und stieg hinab in die Unterwelt. Er ging durch den kupfernen Garten, und er ging durch den silbernen Garten. Danach kam er in einen goldenen Garten. Dort stand ein goldener Apfelbaum, der trug goldene Äpfel. Der Soldat riss einen von ihnen ab und steckte ihn in seinen Beutel. Sogleich fingen wieder Glocken an zu läuten und Kanonen zu donnern. Weil der Soldat aber seine Tarnkappe aufhatte, war er unsichtbar, und der Weg war nicht versperrt, und er ging weiter bis zu einem Meer, an dessen Ufer sich ein Kristallberg erhob, den die Zarentochter hinaufging. Als der Soldat sie endlich eingeholt hatte, trat sie gerade an den Rand des Berges, und sprach: "Erschiene, Wagen ohne Achsen und ohne Räder, erschiene in der Luft."
Da erschien ein seltsamer Wagen, in den sich die Zarentochter setzte. Weil kein anderer Platz mehr war, setzte sich der Soldat der Zarentochter auf die Knie, und sie fuhren übers Meer zum Reich des Zaren jenseits des Meeres.
Dieser empfing die Zarentochter und sprach: "Ljubuschka, warum bist du zwei Tage nicht bei mir gewesen?"
"Deine verfluchten Diener haben mich nicht durchgelassen," antwortete die Zarentochter.
"Ich werde alle Diener fortjagen,"sprach der Zar. Dann nahm er ihren Arm und führte sie in den Palast. Und der Soldat immer hinterher.
Der Zar hatte eine Teekanne Biete-selbst-an. Diese gießt die Tassen von selbst ein. Kaum hatten die beiden sich gesetzt, sprang die Kanne aus dem Schrank und goss Tee in die Tassen. Auch vor dem Soldaten, der ein wenig abseits Platzt genommen hatte, stand eine volle Tasse auf dem Tisch.
Da sprach der Zar: "Ljubuschka, was ist denn das? Wir sind doch nur zwei, aber die Kanne gießt dreimal ein. Wem bietet sie denn da Tee an?"
Da sprach die Zarentochter: "Ich weiß nicht, aber wie ich heute über das Meer fuhr, da war auf meinen Knien so eine unheimliche Last."
Da sie das Rätsel nicht lösen konnten, kümmerten sie sich nicht weiter darum, und der Zar schenkte seineer Ljubuschka ein Kleid von unbeschreiblicher Schönheit und Schuhe dazu. 
Unbeobachtet nahm der Soldat die Schuhe, das Kleid und die Kanne und steckte alles in seinen Beutel.
"Ich lasse dich nicht mehr zu deinem Vater zurück, wir werden jetzt die Hochzeit feiern", sprach der Zar.
Da erwiderte die Zarentochter: "Lass mich noch einmal nach Hause, ich möchte sehen, wie mein Vater dem Soldaten den Kopf abschlägt."
Da ließ der Zar sie gehen. Und sie trat an das Meeresufer und sprach: "Erscheine, Wagen ohne Achsen und ohne Räder, erscheine in der Luft."
Der Wagen erschien, die Zarentochter setzte sich hinein und der Soldat daneben. So fuhren sie wieder übers Meer. Noch bevor der Wagen wieder verschwinden konnte, nahm ihn der Soldat und steckte ihn in seinen Beutel.
Die Zarentochter aber lief und lief, sie trug schon das letzte Paar Schuhe und das letzte Paar Strümpfe, und da war sie endlich daheim und sah vor ihrem Schlafgemach den Soldaten auf seinem Lager schlafen.
"Schlaf nur, Soldat. Morgen früh wird dir mein Vater den Kopf abschlagen," sprach die Zarentochter.
Am anderen Morgen, als noch schon lange kein Vogel sang, da schrie der Soldat schon aus vollem Halse: "Wo ist mein Samowar mit dem Tee, wo ist mein Mittagessen und mein Wein?"
Doch statt der Diener kam der Zar mit dem Säbel und wollte dem Soldaten den Kopf abschlagen.
Da sprach der Soldat: "Du denkst, ich habe nicht herausgefunden, wo deine Tochter jede Nacht hingeht. Doch ich weiß alles. Versammle alle deine Würdenträger, und ich werde es dir erzählen."
Als alle versammelt waren, sprach der Soldat: "Wer mich unterbricht, soll hundert Rubel zahlen und hundert Rutenhiebe bekommen."
Damit waren alle einverstanden, und der Soldat fing an zu erzählen wie alles war. Wie er vom kupfernen Garten erzählte, rief ein General: "Das ist nicht wahr, das gibt es nicht."
Da öffnete der Soldat seinen Beutel, holte den kupfernen Apfel hervor und zeigte ihn. Der General bekam Hiebe, und wurde durchgebläut nach Strich und Faden.
Wie er vom silbernen Garten erzählte, da rief ein anderer General: "Das ist nicht wahr, das gibt es nicht. Ein kupferner Garten, das mag ja sein, aber ein silberner, nein, das gibt es nicht!"
Da öffnete der Soldat seinen Beutel und holte den silbernen Apfel hervor und zeigte ihn. Der General bekam Hiebe und wurde durchgebläut nach Strich und Faden.
Wie er vom goldenen Garten erzählte, da rief ein dritter General: "Das ist nicht wahr, das gibt es nicht. Ein kupferner und ein silberner Garten, das mag ja sein, aber ein goldener, nein, das gibt es nicht!"
Da öffnete der Soldat seinen Beutel, holte den goldenen Apfel hervor und zeigte ihn. Der General bekam Hiebe und wurde durchgebläut nach Strich und Faden.
Nun holte der Soldat die Teekanne Biete-selbst-an aus seinem Beutel und das unbeschreiblich schöne Kleid und die schönen Schuhe. Der Zar und alle anderen waren so erstaunt, dass sie keine Worte mehr fanden.
Endlich aber sprach der Zar: "Du sollst meine Tochter zur Frau haben. Fährst du heim, oder willst du hierbleiben, Soldat?"
"Ich fahre heim," erwiderte der Soldat.
Da sprach die Zarentochter zum Soldaten: "Warum fährst du heim?"
Der Soldat antwortete: "Ich werde säen und ernten, und dich werde ich es auch lehren, und in die Unterwelt kommst du bei mir nicht."
Die Zarentochter fing an zu weinen, fiel auf die Knie und schwor dem Soldaten ewige Treue. Da bekam der Soldat Mitleid und kehrte mit ihr zum Vater zurück.
Und sie lebten und lebten, und als der Zar starb, da wurde der Soldat Zar und herrschte über das Reich.

 

 

Das Mädchen auf der Eulschierbenmühle
Auf dem Schloss zu Gamburg lebte einst ein Graf, der war ein leidenschaftlicher Jäger und Fischer und verbrachte, zum Verdruss seiner Gattin, oft viele Tage fer von seiner Burg mit Fischen und Jagen.
Als er einst im Erlengenbüsche bei der Mühle von Eulschirben mit Fischfang beschäftigt war, sah er ein ihm unbekanntes Mädchen von wunderbarer Schönheit vorübergehen und dann in der Mühle verschwinden. Er fragte den Müller, wer die schöne Fremde sei und erhielt die Antwort, seit kurzem habe sie sich in der Mühle verdingt, jedoch mit dem Vorbehalt, dass sie vom Donnerstagabend bis zum Samstag früh im Walde leben dürfe, was ihr gerne zugestanden wurde, denn sie arbeitete in einer halben Woche so viel, wie andere Mägde kaum in einer ganzen. 
Der Graf hatte eine leidenschaftliche Liebe zu dem Mädchen gefasst, und wollte daher diesem Geheimnis auf die Spur kommen.
So begab er sich am nächsten Donnerstagabend wieder in der Nähe der Mühle, um die seltsame Fremde zu belauschen. Wirklich erschien das Mädchen, verschwand aber ebenso wieder wie das erste Mal. An einem späteren Tag schlich er ihr nach und sah, wie sie sich am Ufer der Tauber vorsichtig auskleidete, ihre Gewänder sorgfältig im Gebüsch versteckte und dann mit raschem Sprung in das Wasser tauchte. Nach einer Weile erschien sie wieder auf dem Wasserspiegel und weigte sich, eine Perlenkrone auf dem Haupt, über den vom Monde hell beschienenen Fluten.
Zugleich aber bemerkte auch der Graf, dass ihr Leib von der Hüfte an Schnuppen trug und in einem Fischschwanz endigte. Als die Wasserfrau, denn als solche hatte sie der Graf erkannt, wieder untertauchte, schlich sich dieser an die Stelle, wo die Kleider lagen, und nahm sie weg.
Durch dieses Pfand war die schöne Frau die Geliebte des Herrn von Gamburg geworden. Der Graf baute ihr auf ihren Wunsch bei der Mühle ein Schloss und verlebte hier mit ihr die schönsten Tage. Von Donnerstag bis Samstag kehrte sie jedoch nach wie vor durch die unteren Räume des neuen Schlosses in das Wasser der Tauber zurück, während der Graf diese Zeit in Gamburg zubrachte.
Auf die Dauer aber blieb dies nicht verborgen.
Der Müller hatte oft Saitenspiel im Schlosse gehört, und es gelang dem Neugierigen, die beiden eines Tages zu belauschen. Auf der Stelle begab er sich zu dem Abt von Bronnbach und erzählte ihm den Vorfall.
Der Abt gab dem Müller ein mit geweihtem Wachs verklebtes Papier, das er nach seinem Rat auf die oberste Schwelle der Treppe legte. Als nun die Wasserfrau sich dann am Donnerstagabend die Stiege hinunter in ihr Element begeben wollte, hörte der Müller ein lautes Jammern und gleich darauf einen schweren Fall in die Tauber. Dann war es wieder totenstill.
Die Wasserfrau war für immer verschwunden, und der Graf starb bald aus Gram. Die Gräfin errichtete zum Andenken an ihren Gemahl an der Stelle ein Kloster und lebte darin bis zu ihrem Tode.
Kurz nach ihrem Hinscheiden entstand aber eine solche Überschwemmung, dass nur noch das Dach des Gebäudes hervorragte.
Die Nonnen verließen das Kloster.
Später wurde es von dem Müller zu einer Mühle umgebaut.

 

 

Der Wind als Taufpate
Bei einem Bauer, der schon viele Kinder hatte, das niemand mehr im Dorfe ihm Taufpate stehen wollte, stand schließlich der Wind zu Gevatter. 
Nach der festlichen Taufe, bei der sich der Bauer nicht lumpen ließ und die Gäste bewirtete, dass es eine Freude war, fragte der Wind, ein würdiger, alter Mann, der einen Bart hatte, so lang, dass er ihn sich dreimal um den Leib binden konnte, den Vater des Kindes: "Was soll ich denn dir und meinem Patenkind zum Taufgeschenk geben?"
Der Bauer wähnte sich schlau und antwortete: "Verfuchtle mir heuer nicht so arg das Korn, wie es sonst deine Gewonheit ist. Ich will, dass mein Getreide in Ruhe reifen und wachsen kann, denn dann habe ich genug, um all meine Kinder zu versorgen, wie sie es verlangen."
Der Wind, ein alter Weiser und dennoch oder gerade deshalb auch ein arger Schalk, lachte laut über diesen dummen Wunsch. Doch er willigte ein, denn er wusste, eine Tat macht viele Worte überflüssig, und er versprach zu erfüllen, was der Bauer sich von ihm als Geschenk erbeten hatte.
Als die Saaten wuchsen und der Wind in ihnen umherhing, da blieb das Korn des Bauern gänzlich unberührt davon. Kein Windhauch beugte die heranwachsenden Ähren, kein Sturm wühlte sich durch die Felder, um die Halme zu stärken. Der Wolf zog in den Feldern des Bauern nicht umher, wie man zu sagen pflegte, wenn der Wind die Halme des Korns niederdrückt und beugt, dass sie daliegen, als wollten sie sich nie wieder erheben.
Doch gerade das ist es, was den Halmen die Kraft gibt, später auch die vollen Ähren zu tragen. Der Bauer freute sich nicht wenig, wenn er über die Felder ging, denn, wie er immer wieder feststellen konnte, sein Getreide stand so üppig, und hoch und goldgelb wie kein anderes ringsum.
Aber als es an die Ernte ging, und er mit Sense und Wetzsein sein Korn schneiden und heimbringen und dreschen wollte, da musste er zu seinem Schrecken entdecken, dass sein Korn zwar hoch gewachsen war und golden gelb zur Ernte bereit stand, die meisten Ähren jedoch taub geblieben waren, und diejenigen, welche Körner trugen, schon lange vor der Zeit abgeknickt, weil sie nicht stark genug waren, das Gewicht der Körner zu tragen.
Auf den Feldern der Nachbarn wogte das Meer des Korns unter einem freundlichen Wind und nickte mit schweren Köpfen seiner Ernte entgegen. 
Da klagte der Bauer dem Wind sein Leid in bitteren Worten. Dieser verspottete zunächst den Bauern wegen seiner albernen Taufbitte vom vergangenen Jahr. Doch dann versprach der Wind dem Bauern, dass er im nächsten Jahr keine Sorge zu tragen brauche.
Und richtig. Der Wind verfuchtelte im nächsten Jahr dem Bauern das Korn wie eh und je, vielleicht ein wenig sorgfältiger als bei den anderen, vielleicht sogar ein wenig heftiger.
Wer vermag das schon zu sagen? 
Der Bauer jedenfalls konnte eine Ernte einfahren, die so reich war wie noch nie zuvor.

 

 

Das junggeglühte Männlein
Zur Zeit, da unser Herr noch auf Erden ging, kehrte er eines Abends mit dem heiligen Petrus bei einem Schmied ein und bekam willig Herberge. Nun geschah's, dass ein armer Bettelmann, von Alter und Gebrechen hart gedrückt, in dieses Haus kam und vom Schmied Almosen forderte. Dessen erbarmte sich Petrus und sprach: "Herr und Meister, so dir's gefällt, heil ihm doch seine Plage, dass er sich selbst sein Brot möge gewinnen."
Sanftmütig sprach der Herr: "Schmied, leih mir deine Esse und lege mir Kohlen an, so will ich den alten kranken Mann zu dieser Zeit verjüngen."
Der Schmied war bereit, und St. Petrus zog die Bälge, und als das Kohlenfeuer auffunkte, groß und hoch, nahm unser Herr das alte Männlein, schob's in die Esse, mitten ins rote Feuer, dass er drin glühte wie ein Rosenstock und Gott lobte mit lauter Stimme.
Danach trat der Herr zum Löschtrog, zog das glühende Männlein hinein, dass das Wasser über ihn zusammenschlug, und nachdem er's sorgfältig abgekühlt, gab er ihm seinen Segen. Siehe, das sprang das Männlein heraus, zart, gerade, gesund und wie von zwanzig Jahren.
Der Schmied, der genau zugesehen hatte, lud sie alle zum Nachtmahl. Er hatte aber eine alte, halb blinde bucklige Scwiegermutter, die mache sich zum Jüngling hin und forschte ernstlich, ob ihn das Feuer arg gebrannt habe. Nie sie ihm besser gewesen, antwortete jener, er habe da in der Glut gesessen wie in einem kühlen Tau.
Was der Jüngling gesagt hatte, das klang die ganze Nacht in den Ohren der alten Frau, und als der Herr frühmorgens die Straße weitergezogen war und dem Schmied wohl gedankt hatte, meinte dieser, er könnte seine alte Schwiegermutter auch jung machen, da er fein ordentlich alles mit angesehen habe und es in seine Kunst schlage. Er fragte sie deshalb, ob sie auch wie ein Mägdlein von achtzehn Jahren in Sprüngen daher wollte gehen.
Sie sprach: "Vom ganzen Herzen," weil es dem Jüngling, der zuvor ein alter Bettler gewesen, doch so gut bekommen war.
Da machte also der Schmied eine große Glut und stieß die alte hinein, die sich hin und her bog und grausames Mordgeschrei anstimmte, denn sie begann zu brennen.
"Sitz still, was schreist und hüpfst du, ich will erst weidlich zublasen."
Damit zog der Schmied die Bälge von neuem, bis ihr alle Huderlumpen brannten. Das alte Weib schrie ohne Ruhe, und der Schmied dachte: "Mit dieser Kunst geht es doch nicht recht zu."
Er nahm seine Schwiegermutter heraus und warf sie in den Löschtrog.
Da schrie sie so laut, dass es droben im Haus die Schmiedin und ihre Schwester hörten; die liefen beide die Stiegen herab und sahen die Alte heulend und maulend ganz zusammengeschnurrt im Trog liegen, das Angesicht gerunzelt, gefaltet und ungeschaffen.
Darob entsetzten sich die zwei, die beide mit Kindern gingen, so sehr, dass sie noch in derselben Nacht zwei Kinder gebaren, die waren nicht wie Menschen geschaffen, sondern wie Affen.
So liefen zum Wald hinein; und von ihnen stammt das Geschlecht der Affen her.

 



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